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THEMA: Nichts für schwache Nerven!

Nichts für schwache Nerven! 04 Dez 2011 13:40 #131702

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So schade es ist, dass wir wegen des Wattenscheider Weihnachts-Tastings im "Charivari" das Rhein-Ruhr-Treffen verpasst haben :-( , so ungern hätten wir diesen unvergesslichen Abend in „Deutschlands schönstem Whisky-Bahnhof“ verpasst :D .

Was wir erlebten, das war von Anfang bis Ende ein Superlativ. Wie sollte man es anders bezeichnen, wenn einen statt der üblichen sechs großzügig bemessenen Tastingproben, gerne ein-, zweimal nachgeschenkt (Wirt Manni mag ein Mensch mit Fehlern sein – Geiz gehört, wie schon mal erwähnt, definitiv nicht dazu), neun ausgewachsenen Whiskys erwarten :shock: ?

Noch ganz und gar unter dem offensichtlich nachhaltigen Einfluss der InterWhisky, die unser Freund ausgesprochen intensiv besucht haben muss (wir hörten von einem VIP-Tasting, bei dem es für die Teilnehmer in Gegenwart von Flaschen im Wert zwischen 80 und 750 Euro nur eine einzige Vorgabe gab: „Sie haben 45 Minuten Zeit – bitte trinken Sie ab jetzt!“ :shock: ) (nach eigenem Bekunden war unser Wirt, nachdem er des klaren Denkens wieder mächtig war, doch selbst sehr erstaunt darüber, wie viel Alkohol in einen knapp 80 Kilo schweren Körper passen 8) ), wollte er uns liebevoll teilhaben lassen, an den Whisky-Wonnen, die er in Frankfurt erleben durfte ;-) .

Hatten wir den Schock über die neun zu erwartenden Proben so gerade eben verdaut, da schockte uns Manni zum zweiten Mal. Den Auftakt machte ein Bourbon! Geht ja wohl gar nicht :? ! Der Basil Hayden’s (40%, ca. 40 Euro) präsentierte sich dann aber glücklicherweise nicht als die übliche vanillegeschwängerte Maissuppe mit Schuss. Sein Roggenanteil von rund 70 Prozent machte ihn durchaus trinkbar. Den Sinn meines Lebens und mich erinnerte der Amerikaner letztlich ein wenig an einen nicht zu schlechten Birnenbrand. Muss man nicht wegschütten, doch Whisky ist dieser Whiskey (für uns) nicht ;-) . Wir vermuten mal, ein Einkauf unseres Wirtes, der gleich nach dem VIP-Tasting getätigt wurde…

Der gute alte Cutty Sark (Premium Blend, 43%, ca. 20 Euro) wurde als Dram Nr. 2 ausgeschenkt. Manni servierte uns damit seinen „Einsteiger-Whisky“, den er vor vielen, vielen Jahren (ach ja, Weihnachten macht so schön nostalgisch :D ), als Whisky in Deutschland noch wie „Racke Rauchzart“ oder „Black & White“ buchstabiert wurde, richtig gerne getrunken hat. Als er dann später auf den Glenrothes stieß, die 73er Abfüllung war’s, wurde ihm klar, warum ihm der Cutty so gut geschmeckt hat. Dieser Blend besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus Glenrothes. Nachdem viele Jahrgänge (sagt Manni; ich habe mit dem Glenrothes bisher keine Erfahrungen gemacht :D ) schlecht bis nur knapp trinkbar gewesen seien, gäbe es nun mit der 95er Abfüllung, unser Dram Nr. 4, wieder einen gelungenen Malt dieser Speyside-Destille (43%, ca. 50 Euro). Viele unserer 70 Mit-Taster waren hin und weg, mir ist er zu langweilig.

Was auch für Dram Nr. 4 gilt. Der zwölf Jahre alte Tomatin Sherry Finish (40%, ca. 30 Euro) ist ein netter Schluck, aber sicher kein großer Whisky. Seit 1998 gehört die 1897 gegründete Destille in den nördlichen Highlands unterhalb von Inverness, dem japanischen Konzern Takara Shuzo und produziert vorrangig für die Blendproduktion.

Dram Nr. 5 (Highland Park 15y, 43%, ca. 45 Euro) und Dram Nr. 6 (The Macallan Fine Oak 12y, 40%, ca. 40 Euro) boten keine ganz so großen Überraschungen. Lecker, wenngleich ich sie mit einer gewissen Ungeduld gekostet habe, denn eigentlich interessierte mich Dram Nr. 7 viel mehr :lol: . Wobei ich eben noch anmerken will, dass der Macallen wirklich gut geschmeckt hat. Ich kannte bisher nur die achtjährige Abfüllung, die mir eigentlich zu flach ist.

Aber Dram Nr. 7 :!: Bunnahabhain 97er, Portcask finish, Abfüller Murray McDavid (46%, ca. 40 Euro) – absolut köstlich! Ein Geschmack fast wie Weihnachten – etwas Orange, Ingwer, Butterfudge, Nüsse und getrocknete Pflaumen. Die Frucht ist nicht zu dominant. Schön süß und doch mit einer feinen Frische. Genau das, was man sich als Festtags-Dram wünschen würde (ja ich weiß - wenn man unverbesserlicher Bunnahabhain-Fan ist).

Und dann kam die wirkliche Überraschung des inzwischen weit fortgeschrittenen Abends (zwischenzeitlich hatte sich die große Runde mit unglaublichen Mengen von Currywürsten und Kartoffelsalat) (Manni ist nicht nur großzügig, er scheint auch ein unerschütterliches Vertrauen in die Körperbeherrschung seiner Gäste zu setzen – also bei mir bekäme niemand Kartoffelsalat und Alkohol! :shock: ) in Form des Bruichladdich Vintage 2004 (50%, ca. 40 Euro).

Der Dram Nr. 8 hat mich einmal mehr gelehrt, dass man sich Vorurteile tunlichst verkneift. Der Laddi ist sonst der einzige Islay-Whisky, den ich, wenn man von dem Sherry-Bömbchen Infinity einmal absieht, gerne auslasse. Und dann das :shock: !

Dieser „sonnengelbe Bruichladdich“ enthält nicht die Spur von Torf! Absolutley unpeated! Die Geschichte dazu ist so gut wie dieser ungewöhnliche Whisky: „Der Bruichladdich Vintage 2004 ist the First of the New. Der erste Islay Whisky destilliert aus auf der Insel gewachsener Gerste seit über einem Jahrhundert. Er wurde auch auf Isaly abgefüllt – eine Kombination. Verwendet wurde Gerste der Sorte Chalice, geerntet im September 2004. Gewachsen ist der Rohstoff weniger als eine Meile von der Destillerie. Die Gerste reifte auf ideal ausgerichteten nach Süd-Osten weisenden Hängen in Kentraw, oberhalb von Loch Indaal. Drei Monate nach der Ernte wurde der Whisky destilliert. Richard Macaire, Laird of Foreland and Kentraw, war der erste, der sich der Herausforderung stellte und für Bruichladdich Gerste anbaute. Er verstarb im April 2010, woraufhin die Destille sein Andenken mit einer Limited edition cask-strength Abfüllung ehrte“ (gefunden im Internet auf der Seite von Getränke Weiser).

Unser Wirt hatte diese nun erhältliche Abfüllung aus der gleichen 2004er Destillation, allerdings noch 18 Monate älter und mit 50 %. Eine einzige Offenbarung! Ausgebaut in Bourbon Casks präsentiert sich dieser Laddi im Glas mit einem „durchsichtigen Zitronengelb, wie die Wintersonne. Zitronen, geträufelt über süße, geschrotete Gerste mit "Golden Syrup". Tropische Früchte - Grapefruit, Ananas, Mango...“ Die Nase flippt förmlich aus – so viel frische Frucht, eingebettet in feine süße Noten, riecht man selten. Dazu die zurückhaltende Vanille des Eichenfasses und endlos süßes Malz, sodass der „vorbei schwimmende Hering“ (leichte Salzlake taucht plötzlich auf) fast überrascht. Die Nase hat sich von ihrer Überraschung noch nicht erholt, da staunt die Zunge zuerst über so viel Cremigkeit. „Warm, süß und fruchtig - fast wie Jelly Beans“ gleitet er über die Zunge. Die Hitze eines Eichenfeuers (50%!) verteilt sich dann gleichmäßig im Mund – das ist ein Laddi? Für einen richtig großen Nachklang ist der Whisky noch etwas jung, aber drauf gepfiffen. Der steht auf jeden Fall bei uns unterm Baum :!: Ich bin übrigens nur sehr ungern der Empfehlung unseres Wirtes gefolgt, der meinte, dass dieser Laddi mit zwei, drei Tropfen Wasser unglaublich „aufmacht“. Stimmt! So viel zu Vorurteilen, Teil II :D .

Oh Himmel, was für ein Roman, doch jetzt muss der letzte Whisky hier auch noch erwähnt werden, denn das war auch eine echte Überraschung. Dram Nr. 9 war ein Peat‘s Beast (46%, ca. 30 Euro, Fox Fitzgerald Ltd). Ein Islay Malt, von dem man nicht weiß, welchen Whisky er denn nun enthält :roll: . Angeblich ist viel Bruichladdich dabei (dafür schmeckt er mir zu gut; erinnert hat er mich stark an das Quarter Cask von Laphroaig), weil die junge Firma, die ihn abfüllt, auch viel mit Bruichladdich zusammenarbeitet. Ich weiß es nicht, ich würde aber sagen, das ist auch völlig egal, weil das ein richtig leckerer Tropfen ist – vorausgesetzt, man mag es stark und kräftig und ist darauf gefasst, dass einem „dieses große Monster seine feurigen Fänge in den Gaumen schlägt“ :shock: . Nichts für schwache Nerven, doch ruhig Blut - mit der Zeit wird er deutlich zahmer. Wie sagte ein Taster völlig treffend: „Ein unverschämt schönes Biest!“ :D

Um es jetzt ganz kurz zu machen: Neun Whiskys (davon ein Whiskey :D ) sind eine echte Herausforderung. Die Sache mit dem Kartoffelsalat ging für Manni und seine Leute vom putzenden Personal gut aus. Und wir sind am 11. Februar garantiert wieder dabei. Ein Abend für Torfnasen – ein Ausflug nach Islay. Bliebe abschließend eigentlich nur noch Mannis Wunsch anzubringen:
Nollaig Chridheil agus Bliadhna mhath ùr!
(Frohe Weihnachten
und ein glückliches neues Jahr!)
Folgende Benutzer bedankten sich: uwe033360, kayla MacL.

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Letzte Änderung: von gaira.

Aw: Nichts für schwache Nerven! 19 Dez 2011 21:06 #131960

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mein lieber Gaira,

da hast Du mir den Mund ganz schön wässrig gemacht mit Deiner Tasting-Doku...

Aber was war mit #3? Habe ich das überlesen oder hast Du versehentlich zwei mal #4 beschreiben (Glenrothes und Tomatin)?

Tröste mich so lange mit einem profanen Ardbeg 10 yrs (aber echt lecker ...)

Slainte
Cal80

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